8. Januar 2012

Kontrast-Programm Kilchoman


Ein Gastbeitrag von Stephan Goldmann

In der kleinen Farm-Destillery auf Islay geht Pragmatismus vor Tourismus. Und das hat seinen Charme: Nirgendwo war ich bisher so nah dran am Entstehungsprozess von Whisky.

Von Kilchoman hatte ich überhaupt erst im Sommer 2011 erfahren. Gleich getrunken und für gut befunden! Wie es der Zufall will: Noch im Herbst stand ein Besuch auf Islay an und ich wollte unbedingt bei der kleinen, neuen Destillery vorbei schauen.

Dass es nicht wie die üblichen geführten Touren werden würde, dämmerte mir bei der Anfahrt. Hätte Kilchoman nicht eine der typischen Schornstein-Pagoden auf dem Dach, keiner käme überhaupt auf die Idee, dass hier Whisky gebrannt wird. Die Gebäude sind eine umfunktionierte Farm.

Die Reisezeit im Herbst hat Vorteile. Außer mir und meiner Partnerin war in der Gruppe nur noch ein kanadisches Ehepaar bei der Führung. Mit Becky als Guide ging es gleich los. Becky ist übrigens eher schüchtern - kein Vergleich mit den Profi-Führern der anderen Whisky-Destillen. Eine erfrischende Abwechslung.


Romantik Fehlanzeige

Der Mälzboden besteht in Kilchoman aus Beton, umgeben von unromantischen Gerätschaften, es riecht nach Arbeit, es fehlt Romantik. Aber hier wird eben noch selbst gemälzt. Und das Korn kommt sogar von der Farm ein Stück weiter - schließlich brennt Kilchoman auch den “100% Islay”, bei dem alles auf der Insel produziert wird.

Einmal mit beiden Händen in die Gerstenkeime greifen, probieren ... dann ab zum kleinen Röstofen. Der ist gerade nicht in Betrieb, also kann man einen Blick hineinwerfen.

Überhaupt fällt auf: Kilchoman ist nicht hundertprozentig ausgelastet. Die Farm Destillerie produziert derzeit um die 100.000 Liter Whisky jährlich - klar, dass da nicht alles ständig in auf Hochtouren läuft. Es gibt genügend Zeit um Fotos zu schießen, Scherze zu reißen... Becky ist geduldig und wartet, treibt nicht zur Eile.

Metall statt Holz


Wie gesagt: Es herrscht Pragmatismus in Kilchoman. Und so sehen wir im Haupthaus keine schönen Gärbottiche aus Holz, sondern aus blankem Metall - die kann man besser reinigen, erklärt Becky. Logisch... Wir probieren jeder einen guten Schluck der Würze, bevor wir zu den Stills rübergehen.

Lange Fußmärsche erspart sich der Besucher In der Kilchoman Destillerie: Mash Tuns, Wash Backs und Pot Stills drängen sich hier auf engstem Raum. Man stolpert von einem Teil der Produktion zum nächsten, sieht dabei aber auch mehr, weil man nah dran ist.

Nach einem Plausch mit dem Brennmeister wechseln wir zur Lagerhalle. Es ist großartig, wenn nicht alles aufgeräumt und auf Tourismus getrimmt ist. So sehen wir Nebensächlichkeiten wie die Schablone, mit der die Fässer beschriftet werden, die Rinnen mit Trittgittern, in die die Casks entleert werden und die Plastik-Tanks, in denen sich der Whisky zur Abfüllung in Flaschen sammelt. Auch das Abfüllen wird nämlich teilweise in der Farm erledigt. Denn für den 100 % Islay oder spezielle Fassabfüllungen zapfen, etikettieren und verkorken die Kilchoman-Angestellten vor Ort. Auch etwas, das man in den großen Destillerien fast nie zu Gesicht bekommt.

Der Besuch endet - wie sollte es anders sein - mit zwei Probierschlucken und der Möglichkeit sich einige Flaschen des Whiskys zu kaufen oder im Coffeeshop einen leckeren Kuchen zu vertilgen.

Mein Fazit

Kilchoman ist vielleicht nicht die Destillerie, die man als Neuling gleich als erstes besuchen sollte. Hier würde ich eher Talisker oder Laphroig empfehlen. Aber Kilchoman bietet eine erfrischende Abwechslung zu den überaus routinierten Whisky-Führungen der großen Whisky-Betriebe und kann so dem routinierten Whisky-Touristen noch Neues zeigen.


Bei mir jedenfalls war das der Fall...


Stephan Goldmann schreibt auf seiner Webseite MyHighlands.de über die schönsten Sehenswüdigkeiten in den Highlands, die er bei seinen sechs Touren in Schotlland besucht hat. Neuigkeiten erfährt man schnell über seine facebook-Seite

1 Kommentar:

Stefan hat gesagt…

Ich habe Islay und Kilchoman 2010 besucht und fand die 'private' Atmosphäre auch unglaublich erfrischend. Eine Tour gab es zu der Zeit zwar nicht, aber man konnte sich trotzdem (fast) alles ansehen und mit den freundlichen Angestellten palavern.
Und das Essen in der Cafeteria war auch nicht so schlecht ;-)

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